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Dritter Stand

Der Dritte Stand war Teil der französischen Ständeordnung, die sich aus drei Kategorien zusammensetzte.

Der Dritte Stand bestand vor allem aus freien Bürgern und Bauern.

Die drei Stände

Im Zeitalter des Feudalismus bildeten die drei Stände die von Gott gegebene Ordnung der Gesellschaft. So glaubten die Menschen im Mittelalter, dass Gott die Spitze der Ordnung darstellte. Darunter befanden sich die drei Stände, die die menschliche Gesellschaft einteilten.

In Frankreich versammelten sie sich ab 1302 als Generalstände, um die Steuern zu bewilligen. Während des Absolutismus verloren die Generalstände jedoch an Bedeutung.

Der Erste Stand

Der Erste Stand setzte sich aus den Vertretern der Kirche wie Kardinälen, Bischöfen, Äbten, Mönchen und Priestern zusammen. Sie alle wurden unter dem Begriff Klerus vereinigt.

Sie hatten die Aufgabe, für das Seelenheil der Menschen zu sorgen und sie dazu anzuleiten, ein gottgefälliges Leben zu führen. Außerdem kümmerten sie sich um die Einhaltung der kirchlichen Gebote.

Der Klerus profitierte von zahlreichen Vorrechten, sodass sich seine Angehörigen keine Sorgen um ihr Dasein zu machen brauchten.

Darüber hinaus war es möglich, den Priesterstand selbst zu wählen und somit in den Ersten Stand aufzusteigen. Nicht wenige machten davon Gebrauch, um sich ihre Existenz zu sichern, und nicht, weil sie an Gott und dessen Gebote glaubten.

In Frankreich betrug der Bevölkerungsanteil des Ersten Standes etwa 0,5 Prozent.

Der Zweite Stand

Dem Zweiten Stand gehörten ausschließlich Adlige an. Seine Angehörigen konnten nur durch die Geburt in ihn gelangen. Mit dem Ersten Stand hatte der Zweite Stand gemeinsam, dass er zahlreiche Privilegien genoss. Dabei spielte es keine Rolle, ob der Standesvertreter zum reichen Hochadel oder zum armen Landadel gehörte.

In Frankreich wurde die Spitze des Zweiten Standes vom König gebildet. Er galt als Auserwählter Gottes und durfte das Königreich daher regieren.

Weitere Vertreter des Zweiten Standes waren Herzöge, Fürsten, Grafen und Ritter. Ihre Aufgabe bestand in der Verteidigung von Land und Volk. Außerdem verteilten sie Ländereien.

Rund 1,5 Prozent der französischen Bevölkerung gehörte dem Zweiten Stand an.

Der Dritte Stand

Der weitaus größte Teil des französischen Volkes wurde vom Dritten Stand gebildet. Zu ihm gehörten sowohl freie Bürger, Kaufleute, Anwälte, Mediziner und Handwerker als auch freie Bauern und Leibeigene. Ihre Funktion bestand darin, zu arbeiten und dadurch für die Existenz der ersten beiden Stände zu sorgen. Dazu leisteten sie Abgaben an den Ersten und Zweiten Stand.

Des Weiteren wurden durch die Vertreter des Dritten Standes wichtige Waren für den Alltag hergestellt. Ohne sie wären auch zahllose Dienstleistungen des täglichen Lebens nicht möglich gewesen.

Im Unterschied zu den Angehörigen der ersten beiden Stände besaß der Dritte Stand jedoch keinerlei Vorrechte. Im Gegenteil, seine Angehörigen waren sogar dazu verpflichtet, hohe Steuern und Abgaben zu leisten.

Nicht selten waren die Vertreter des Dritten Standes großer Not, Seuchen oder Hunger ausgesetzt. Ob ein Bürger dem Dritten Stand angehörte oder nicht, entschied seine Herkunft. Ferner war auch das Land ungerecht verteilt. So kontrollierten die beiden ersten Stände rund 75 Prozent des französischen Bodens.

Die 25 Prozent, die der Dritte Stand bewirtschaften durfte, waren jedoch meist von minderer Qualität, wodurch es häufig zu Missernten kam.

In Frankreich gehörten rund 98 Prozent der Bevölkerung dem Dritten Stand an. Das bedeutete, dass sich 25 Millionen Franzosen unter der Kontrolle von rund 500.000 Adligen und Kirchenvertretern befanden. Zwar war der Dritte Stand Adel und Klerus gegenüber zunehmend skeptisch eingestellt, jedoch in viele einzelne Gruppen geteilt, was den Widerstand erschwerte.

Abbé Sieyès

Zahlreiche Aufklärer übten am Vorabend der Französischen Revolution Kritik am bestehenden Ständesystem. Dazu gehörte auch der Priester Abbé Emmanuel Joseph Sieyès (1748-1836). Sieyès hatte mithilfe von Stipendien am Priesterseminar in Paris studieren können und wurde 1774 zum Priester geweiht. Weil er überaus scharfsinnig und aufmerksam war, gelang ihm rasch der Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie. So brachte er es 1780 zum Bischof und zum Mitglied der Provinzialstände.

Abbé Sieyès interessierte sich aber auch für die Lehre der Aufklärung wie zum Beispiel von John Locke. Es bestand sogar Kontakt zu den radikalen aufklärerischen Salons. Ab 1788 war Sieyes auch als Schriftsteller tätig. In seinen Werken wandte er sich gegen die bestehende Ordnung der Stände. Stattdessen setzte er sich für eine repräsentative Versammlung ein, die durch Wahlen bestimmt wurde.

Was ist der Dritte Stand?

Zu den bekanntesten Werken des Abbé Sieyès zählte seine Schrift „Was ist der Dritte Stand?“ Darin stellte Sieyès Fragen, die er gleichzeitig beantwortete, etwa:

„Was ist der Dritte Stand? – Alles“.

„Welche Rolle hatte der Dritte Stand bisher inne? – Keine“.

„Was will der Dritte Stand? – Etwas sein.“

Sieyès war außerdem der Meinung, dass die französische Nation durch den Dritten Stand gebildet wurde. Die Privilegien der ersten beiden Stände sollten beseitigt werden, damit der Dritte Stand eine glückliche Ganzheit zum Wohle des Landes bilden konnte. Schon durch seine Bedeutung sei der Dritte Stand allein im Recht dazu, eine Nationalversammlung zu bilden, die den Willen der Nation vertreten sollte.

Mit dieser Schrift erreichte Sieyès in Frankreich große Aufmerksamkeit.

Die Einberufung der Generalstände

In der zweiten Hälfe des 18. Jahrhundert war die Unzufriedenheit mit der absoluten Monarchie in breiten Teilen der Bevölkerung zunehmend angestiegen. Das Eingreifen des Königs in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg war zwar militärisch erfolgreich verlaufen und hatte zur Niederlage des Erzfeindes Großbritannien geführt, doch entstanden dadurch enorme Kosten, was die ohnehin schon stark angespannte Finanzlage deutlich verschlechterte.

Der Ruin des Ancien Régime schien Anfang 1789 nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ludwig XVI. war daher gezwungen, etwas zu tun, was seit 1614 nicht mehr geschehen war: nämlich die Generalstände für den 4. Mai 1789 einzuberufen. Das bedeutete, dass alle drei Stände zusammentrafen. Sie sollten die Steuererhöhungen, die der König auf den Rat seines Finanzministers Jacques Necker plante, durchsetzen, um den Staatsbankrott zu verhindern.

Der Dritte Stand hatte jedoch mittlerweile an Selbstvertrauen gewonnen und forderte vom König mehr Rechte, da er wirtschaftlich unverzichtbar war. Alle drei Stände verfügten über jeweils 300 Abgeordnete, wodurch bei Abstimmungen der Dritte Stand von den beiden anderen Ständen jederzeit überstimmt werden konnte.

Zahlreiche Bürger des Dritten Standes hatten es mittlerweile durch Handel zu großem Reichtum gebracht, während der Adel in zunehmendem Maße verarmte. Dennoch sahen die Adligen sich allein dazu berufen, Ministerposten zu bekleiden.

Ruf nach Reformen

Die Mehrheit der Abgeordneten des Dritten Standes forderte nun Reformen. Die Führungsrolle des Königs stellten sie jedoch nicht infrage. Um den Kritikern entgegenzukommen, riet Finanzminister Necker dem König dazu, die Abgeordnetenanzahl des Dritten Standes auf 600 zu verdoppeln, wodurch er genauso viele Stimmen besessen hätte wie die ersten beiden Stände.

Letztlich behielt der König jedoch das alte Abstimmungssystem bei, sodass Adel und Klerus auch weiterhin über die Stimmenmehrheit verfügten. Die Abgeordneten des Dritten Standes reagierten daraufhin mit großer Verärgerung. So blockierten sie einen Monat jegliche Beschlüsse.

Die Nationalversammlung

Als sich zahlreiche Geistliche des Ersten Standes auf die Seite des Dritten Standes schlugen, fassten dessen Abgeordnete am 17. Juni 1789 den Beschluss, sich zur Nationalversammlung zu erklären. Die Vertreter der beiden anderen Stände wurden aufgefordert, sich anzuschließen. Danach eröffnete der Dritte Stand die Sitzung, als sei dies ganz selbstverständlich.

Bischöfe und Adlige reagierten mit Entsetzen und verlangten vom König einzuschreiten. Daher setzte Ludwig XVI. eine Sitzung der Generalstände an, auf der er selbst die künftigen Richtlinien erlassen wollte.

Am 20. Juni leisteten die Abgeordneten des Dritten Standes den sogenannten Ballhausschwur, in dem sie schworen, erst dann wieder auseinanderzugehen, wenn Frankreich eine Verfassung erhielte.

Durch den Widerstand des Dritten Standes gegen den König begann schließlich der erste Akt der Französischen Revolution.